Kopfkino, Gewitter und Bergseen – Wie mich die Allgäuer Alpen zum Lächeln brachten
Ich sitze in der warmen Stube des Prinz-Luitpold-Haus während das Nachmittagsgewitter vom Himmel prasselt und denke über die letzten Tage nach. Über den kurzen Moment des Zweifelns als ich an der Bushaltestelle in Tannheim auf den Bus zum Vilsalpsee warte. Die kleine Unsicherheit am ersten Abend als ich mich alleine zum Essen auf die Terrasse der Hütte setze. Die Anstrengung am zweiten Tag als ich 9 Stunden bei 30 Grad wandere. Die damit verbundene Sorge, ob mein Wasser reicht. Und was passiert, wenn ich umkippe und es niemand mitbekommt? Den skeptischen Blick zum Himmel am dritten Tag, ob das angekündigte Gewitter mich voll erwischt oder ich es rechtzeitig zurück in die Hütte schaffe. Im Nachhinein zum Glück alles unbegründete Sorgen. Ich muss mir ein leises Lachen verkneifen. Ich hab mir schon immer zu viele Gedanken gemacht, was alles schiefgehen könnte.
Vor einiger Zeit habe ich ein Buch gelesen: Gipfelnächte. Autor und Protagonist Max Heberer macht sich auf den Weg auf eine Alpenüberquerung – mehrere Monate. Allein. Schnell entsteht auch in mir ein Wunsch. Ein Wunsch nach Freiheit, Unabhängigkeit und dem Alleinsein. Nach einer Herausforderung. Und nach Bergen. Kurzerhand ist es also beschlossen: im Sommer gehe ich auf meine erste Solo-Mehrtageswanderung! Zugegeben, ganz so abenteuerlich wie im Buch soll es bei mir nicht werden. Ich fange lieber erst einmal klein an und entscheide mich für eine viertägige Hüttentour durch die Allgäuer Alpen.
Schneller als gedacht stehe ich also an der Bushaltestelle in Tannheim und wundere mich, ob das Ganze wirklich so eine gute Idee war. Doch da fährt schon der Bus zum Vilsalpsee, meinem Wanderstartpunkt, ein und bevor ich weiter darüber nachdenken kann, geht es los. Noch während ich um den Vilsalpsee herumlaufe, sind meine Zweifel verflogen. Die Region ist einfach zu schön für negative Gedanken. Das Wetter hätte besser nicht sein können. Der Zweifel macht Platz für Vorfreude und Abenteuerlust.
Am ersten Tag steht zum Einlaufen nur eine kurze Strecke auf dem Plan. Vom Vilsalpsee über den Traualpsee zur Landsberger Hütte. Erschöpft bin ich bei der Ankunft dennoch, schließlich hatte es tagsüber gute 30 Grad. Nach einer leckeren Ofenkartoffel mit Gemüse schnappe ich mir mein Buch und genieße die Abendstimmung in den Bergen.
Die zweite Etappe ist mit sieben Stunden die längste – und es soll der heißeste Tag werden. Vormittags geht alles noch easy. Gegen 10:30 Uhr erreiche ich den Schrecksee. Ich bin kein bisschen überrascht, dass der idyllisch gelegene See bei Ausflüglern so beliebt ist. Zum Glück bin ich an einem Dienstag außerhalb der Ferienzeit dort und es ist einigermaßen ruhig. Ich gönne mir eine ausgiebige Pause – natürlich mit Abkühlung im Wasser. Nachmittags wird es dann knackig. Die Sonne hat inzwischen ihren Höchststand erreicht und knallt unbarmherzig auf mich hinunter. Und kein schattenspendender Baum auf dem Weg. Ich bin erleichtert als ich an einem kleinen Bachlauf vorbeikomme, an dem ich mein Wasser nachfülle und meine Cap tränke. Das eiskalte Wasser auf dem Kopf tut unendlich gut! Mit neuer Energie meistere ich auch das letzte Stück. Zur Belohnung springe ich noch kurz in den kleinen See direkt vor dem Prinz-Luitpold-Haus. Betonung auf kurz: hier ist das Wasser wirklich eiskalt.
In der Nacht überkommt uns ein gewaltiges Gewitter. Schlafen kann ich nicht wirklich, dazu pfeift der Wind zu sehr um alle Ecken. Auch am nächsten Morgen regnet es weiterhin. Ich frühstücke also ganz in Ruhe und warte darauf, dass es zumindest weniger wird. Gegen halb neun wage ich mich hinaus auf den Weg zur Kreuzspitze. Zuerst noch bei Nieselregen, aber nach einer guten halben Stunde hört es ganz auf. Bis ich am Gipfel der Kreuzspitze angekommen bin, ist sogar strahlend blauer Himmel. Meinen Gipfelsnack esse ich also bei herrlichem Sonnenschein und genieße den Blick ins Tal. Allzu lange halte ich mich aber nicht auf, für nachmittags ist nämlich schon das nächste Gewitter angekündigt. Kurz bevor ich die Hütte zurück an der Hütte bin, fängt es auch schon wieder an zu regnen. Zum Glück erwischen mich nur die ersten Tropfen und bis es richtig regnet und gewittert, habe ich mir schon einen Apfelstrudel und eine Hollunderschorle bestellt und lese ein paar Kapitel in meinem Buch. Gelegentlich schweift mein Blick aus dem Fenster und ich lasse die letzten Tage Revue passieren.
Die Momente, die mir positiv im Kopf bleiben werden, haben auf dieser Wanderung eindeutig überwogen. Das belebende Gefühl der kalten Bergseen, in denen ich auf meiner Tour baden war. Der Stolz als ich auch den letzten Anstieg geschafft hab. Die Momente voller Ruhe mit mir und meinen Gedanken. Das Buch, dass ich am Abend mit Blick auf den Bergsee bei Sonnenuntergang gelesen habe. Die Freude über den kleinen Bach, an dem ich mein Wasser wieder auffüllen konnte.
Mit diesen unvergesslichen Erinnerungen mache ich mich also am nächsten Tag an den Abstieg von der Prinz-Luitpold-Hütte. Bei leichtem Regen komme ich an beeindruckenden Wasserfällen vorbei bis ich am Giebelhaus in den Wanderbus steige und mich auf den Heimweg mache.
Die Route:
Tag 1: Tannheim – Vilsalpsee – Landsberger Hütte
- 3h, 640hm, 4,8km
Tag 2: Landsberger Hütte – Schrecksee – Prinz-Luitpold-Haus
- 7h, 860hm, 4,5km
Tag 3: Prinz-Luitpold-Haus – Kreuzspitze – Prinz-Luitpold-Haus
- 2,5h, 520hm, 4,2km
Tag 4: Prinz-Luitpold-Haus – Giebelhaus (reiner Abstieg)
- 2,5h, 800hm im Abstieg, 6,4m
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